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Noé Sendas "To make ends meet"

Ausstellungstext von Stephan Köhler
Invaliden 1 | 24.04. – 07.06.2014

Rückblick
Bis dahin an größeren Skulpturen und Installationen arbeitend, entschied Noé Sendas im Jahr 2009 eine Serie von Foto Collagen zu entwickeln, welche kleiner und leichter zu handhaben wären, ihm aber dennoch gestatten würden, seinem Interesse für surrealistische Inhalte zu folgen und seine Fähigkeiten als Bildhauer weiter zu entwickeln. Als passionierter Sammler von alten Postkarten und Starporträts aus der Goldenen Ära des Kinos, hatte Sendas keine Probleme Material für seinen neuen Ansatz zu finden. Die „Crystal Girls“-Reihe war geboren. Sendas führt aus: “Als ich begann sie auszuarbeiten, behandelte ich sie wie eine Skulptur und nutze die Vorstellung von Schwerkraft, Gewicht und Balance. Wenn Du das linke Bein einer Figur auf dem Foto verschwinden lässt, solltest Du einen Stein in der rechten Hand der gleichen Figur einfügen, so dass sie ausbalanciert ist und nicht umfällt.“

Anordnung
Wie bei den meisten Collagen vereint die vollendete Arbeit drei Schritte: die Auswahl der Hauptbilder, das Entwickeln neuer Formen und die finale Präsentation. Die „Crystal Girls“ beruhen auf adaptierten Star Porträts und durchlaufen eine komplexe Manipulation aller Bildbestanteile: Ausschnitte des Hintergrunds werden vervielfacht, auffällige Elemente werden vergrößert oder der Bildraum wird surrealistisch fragmentiert. Die Einheit der gezeigten Körper wird oft aufgelöst und sie verschmelzen mit ihrer Umgebung. Manchmal integriert der Künstler auch einfache Grundformen, die Erinnerungen an die Ästhetik der Moderne wachrufen. Sendas begann außerdem eine zweite Werkreihe die „Peeps“, welche von erotischen Postkarten ausgeht, die in ihrer Originalgröße belassen werden und meist einfache, direkte Eingriffe mit geometrischen Grundformen aufweisen. Ob „Crystal Girl“ oder „Peep“ die Tintenstrahldrucke auf rauem Papier bleiben schwarz- weiß wie ihre Vorgänger aus dem letzten Jahrhundert.

Kopflosigkeit
Präsentiert in feiner Rahmung und installiert in ausgewogenen Gruppierungen, erzeugen die Assemblagen oft ein spezielles Umfeld oder Atmosphäre. Einzeln und noch mehr im Verbund wirken sie als visuelle Quellen eines wiederentdeckten Glamours. Sie operieren als durchlässige Netzhäute zu einer Bildwelt voll ausgesuchten Geschmackes, noblen Gesten, exklusiven Formen, kulturellen Anspielungen aber auch tiefer Verstörung. Das fast schon dogmatische Fehlen eines Gesichtes – alle sind verborgen, abgewendet oder bedeckt – macht ihre Noblesse verletzlich; Sendas sagt: „Alle meine Fotografien sind gesichtslos, oder das mag ich lieber, Namenlos“ – „so als wenn man sie gerade eben auf der Fundstätte des Glamours geborgen hätte.“ Es ist kein Zufall, dass bei einem beträchtlichen Teil wiederentdeckter Kunstwerke das Gesicht beschädigt oder entfernt wurde. Denn ohne ein Gesicht, ohne einen Kopf, ohne die Möglichkeit eine Person zu identifizieren, sich mit einer Person zu identifizieren, gibt es meist nichts Einzigartiges mehr an das man sich halten könnte. Die Aura hat damit ihr angestammtes Zentrum im Bild verloren. Der emphatische Weg eine Verbindung zur Vergangenheit aufzubauen ist abgerissen, die Erinnerung an eine bestimmte Person verteilt sich über das restliche Abbild, wie die Seele eines Geköpften im Raum. Wir finden uns selber geblendet auf einer undeutlichen Fundstätte der Vergangenheit. Aber unser Bedürfnis in der Vergangenheit verankert zu sein, lässt uns begierig weiter nach jedem Detail tasten. Diese Bildwelt ist verflucht, denn sie bürgt eine unstillbare, kollektive Sehnsucht auf sehr vornehme Weise.

Blindes Erinnern
Auszug aus dem Brief eines Sammlers, der unbekannt bleiben wird.
„Im Rückblick auf diese fabulösen Tage habe ich immer Probleme meine Erinnerungen zu behalten. Ich weiß nicht, wie ich so lange leben konnte oder wann ich wieder geboren wurde. Es ist auf alle Fälle ein Fakt, dass sich meine aktuelle Persönlichkeit wie eine zweite Haut angelegt hat. Die Nervenbahnen dieses Organs reichen schon bis an den Grund meines Hirns.

Was ist denn heute noch geblieben? Nicht einmal die Liebhaber sind am Leben. Kann ich etwa nicht die Karl Marx Allee herunterlaufen, um mir einen Platz im Kino International zu nehmen? Kann ich etwa nicht einen Raum im Bauhaus Dessau mieten, ihn mit einer Frau teilen, die ähnliche Kleidung trägt, im richtigen Licht sieht es so aus als hätte sie ihr Haar onduliert? Natürlich kann ich das, aber sollte ich? Ich glorifiziere die Moderne wie andere Leute das „Stadtschloss“, wollen sie wieder ein bisschen mehr Preußen spüren? Brauche ich eine klare Utopie an der ich mich festklammere? Nein, ich bin nur hungrig nach einer authentischen Existenz. Mein Hunger trifft auf diese Bilder Noés. Diese komplett vollendeten Künstlichkeiten, diese perfekt ausbalancierten Fusionen, dieses surrealistische Reich, welches jetzt meine Erinnerung an ein früheres Leben ist. Richtig, Ich kann nicht ein Gesicht auf ihnen erkennen. Aber bin ich in der Lage mich wenigsten an das eine, geliebte Gesicht zu erinnern? Diese Ausblendungen in meiner Erinnerung machen den Verlust noch dramatischer, und die unerfüllbaren Versuche einer Vergegenwärtigung machen diese Person noch wertvoller. Noés Bilder sind mein perfekter Ersatz und letztendlich mein Auskommen.“

Ausstellungstext anlässlich:
Noé Sendas “To make ends meet”
Invaliden 1 | 24.04. – 07.06.2014

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