Stella Geppert »Aufruhr.« / 2011

Stella Geppert »Aufruhr.« / 2011

Ort:
frontviews gallery

Art:
Einzelausstellung

Web:

Stella Geppert
frontviews

Stella Geppert »Aufruhr.«

Das Leben läuft ab – Routine ist da – Dienstleistung geregelt – Unruhe sickert ein, persönliche – Gebrauchsgegenstand ist zur
Hand, möbiliert die Routine – wird nicht verbraucht…, sondern jetzt forciert “zerbraucht”, zerstückelt – Unvorgesehung,
Ausbruch, Aufruhr! – Aber: Energie und Tat final für die
Einfrierung, Konservation !!! (= Zeitlos machen, Anti-Aufruhr)
wird Objekt der Kontemplation, Beispiel, Beistück, Beischlaf,
Erinnern der Unruhe, Stellvertreter des Aufruhrs, Ventil für
Unruhige. – Alltag wird aufgebrochen, “zerspielt”, transformiert
dann festgezurrt – Zerspielen als Alltag, Routine der
Künstlerin. – Betonierung des Aufruhrs: Dienstleistung der
Galerie.

Weitermachen.

Abstellen, Aufstellen und Ausstellen

Über das Provisorische und das Prozesshafte in der Kunst
von Stella Geppert

Von Regine Rapp

Räumliche Verunsicherung

Eine Visualisierung des Flüchtigen sowie das Phänomen
des Provisorischen zeichnen die künstlerischen Arbeiten
von Stella Geppert aus. Die Arbeit Parasitäre Verhältnisse
und Dialoge (2002) beispielsweise setzt als künstlerische
Intervention im öffentlichen Raum auf jene Berührungspunkte,
die sich zwischen Mensch und Architektur auf einer
Plattform einer Berliner U-Bahnstation beim kurzen
Verweilen, Warten und Anlehnen ergeben: Eigens dafür
produzierte Polster an Säulen und Geländern gestalteten
vorübergehend den Stadtreisenden nicht nur unmerklich
das Anlehnen weicher, sie markierten vielmehr jene
flüchtigen Kontaktpunkte an diesem urbanen Ort. Wie bei
dieser Arbeit gewinnt man bei den Arbeiten von Stella
Geppert häufig den Eindruck, als spiele sich alles an den
Rändern des Räumlichen ab, als habe sich die Peripherie
ins Zentrum eingeschlichen und eingenistet. Das Innen
nach außen stülpen wiederum, innere Prozesse durch einen
plastischen Eingriff sichtbar machen – ein künstlerisches
Prinzip, das beispielsweise in der Installation Unabhängig
von der Lage (2009) zutage tritt: Die Künstlerin hat hierbei
die grundlegenden Raumparameter des Cuxhavener
Kunstvereins durch Raumöffnungen und Eingriffe verschoben
und die architektonischen Konstellationen erweitert.

Stets wird bei den Arbeiten von Stella Geppert auch die
Intention einer räumlichen Verunsicherung offenkundig:
Angefangen mit der Arbeit Entfestigung (1998), bei der aus
einem Haus am Marktplatz von Lutherstadt Wittenberg ein
scheinbar das gesamte Gebäude füllendes, leuchtend rotes
Kissen aus allen offenen Fenstern herauszuquellen schien;
bis zur Installation Bist du da ? (2007), deren Raumeingriffe
mittels Spiegel und Holzlatten im Künstlerhaus Bremen
den ehemals provisorischen Interimscharakter des dort
deutsche Version ursprünglich ansässigen Bettenlagers
reaktivierte. Der Eindruck räumlicher Verunsicherung und
Instabilität stellt sich auch bei ihren aktuellen Arbeiten
When Destruction Becomes New Form (2011) ein, die wie
zahlreiche vorangegangene Kunstprojekte als Serie zu
verstehen sind: Zwölf schwarze, kantige Objekte sind auf
hohen Gestellen präsentiert und bilden einen starken
Kontrast zu den weißen Platten, die Wände und Boden bilden.
Was auf den ersten Blick wie Miniaturflugobjekte oder
utopische Architekturmodelle anmutet, entpuppt sich bei
genauerem Hinsehen als zerborstene, provisorisch verleimte
Konglomerate, die mal hier einen sperrigen Arm oder mal
dort eine wuchtige Ausformung aufweisen. Getragen werden
die spitzkantigen Objekte von unterschiedlichen
Konstruktionen, die alle gleichermaßen grotesk in ihrer
provisorischen Zusammenstellung und augenscheinlichen
funktionslosen Funktionalität wirken.

When Destruction Becomes New Form – das Provisorium

Provisorium (lat. „provisio“, Vorsorge) meint eine für einen
vorübergehenden Zweck eingerichtete Sache, ein Übergangsbehelf,
wobei üblicherweise die zeitliche Beschränkung des Gebrauchs
von vorneherein festgelegt ist. Im Falle der Arbeit When
Destruction Becomes New Form ist das Provisorische Programm
und gestaltet sich zu einem inszenierten Spiel von
Stabilität versus Instabilität.

Durch Rhetorik lässt sich der absurde Grad des inszenierten
Provisoriums besonders anschaulich machen: Da ruht ein Objekt
auf einem weißen metallenen Regalboden, das wiederum – getragen
von einer Pressholzplatte – auf einer Holzkonstruktion steht,
welche einem kopfüber stehenden Tischgestänge gleich mittels
provisorischer Klebebandfixierung mit dünnen Holzlatten
verbunden ist. An anderer Stelle sind vier lange Holzlatten mit
vier dünnen schwarzen Metallbeinen eines schwarzen
Plastikhockers mittels Plastikschnalle fixiert, anstatt eines
Sitzes schließt dieses turmartige Gebilde mit einem der
schwarzen Objekte ab, was an ein tentakelartiges Tier erinnert
(siehe Atelieransicht). Es handelt sich hier nicht so sehr um
eine Objekt-Grammatik als vielmehr um eine Objekt-Syntax:
Da gibt es einen Hocker, der nicht als Hocker verwendet
wird, sondern als Verlängerung jener Stange benutzt
wird, die nicht als Stange als solche dient, sondern sich
als Verlängerung und Halterung erweist und schließlich in
die Sockelfläche übergeht – Brett, Regalboden, Glasplatte.
Die Materialästhetik zielt auf benutztes, alltägliches und
ausgedientes Büromobiliar ab.

Nicht zuletzt aber sind es jene zwölf schwarzen Objekte,
die uns durch ihren materialästhetischen Kontext auf
unmittelbarstem Weg in den von Bürokratie und Ordnung
geprägten Raum führen: Das Ausgangsmaterial für die
schwarzen Objekte sind Briefablagen (auch „Briefkörbe“
genannt), seriell produzierte Gebrauchsgegenstände;
Massenware aus Kunststoff, hergestellt mit der Absicht der
Erleichterung eines bürokratischen Ordnungssystems. Die
Größe zielt auf das DIN A4-Format ab, was vom Deutschen
Institut für Normung (DIN) im Jahre 1922 als eine genormte
Papiergröße festgelegt wurde und bis heute unser Denken,
Konzipieren und Schreiben unwiederbringlich bestimmt,
ja geradezu manipuliert.

Denkt man Objekt und Raum zusammen, so ließe sich
die Theorie des geometrischen Raums an dieser Stelle
produktiv motivieren: Nicht nur stellt der geometrische
Raum ein lückenloses Kontinuum dar, stellt sich – nach
Descartes – gegen alles Zufällige, Chaotische und Ungeregelte.
1 Auch stellt die Geometrie zwei Raumschichten für den
Menschen dar: „die technisierte Oberfläche der Welt“ und
die „formale Innenseite, die quantifizierbar ist“.2
Das geometrische Verhalten auf das menschliche Leben
übertragen würde bedeuten, „Vorgänge werden abgeschnitten,
Prozeße werden unterbrochen […] und Ereignisse werden
auf Daten und Fakten zugeschnitten“.3 Ob wir nun ausgehend
von Phänomen des geometrischen Raums wie der japanische
Philosoph Ryosuke Ohashi von einer wortwörtlichen
„Durch-Schnittlichkeit“ in unserer heutigen Moderne sprechen
wollen, sei dahingestellt.4 Die oben anskizzierten Überlegungen
über den geometrischen Raum könnten jedoch für die künstlerische
Verwendung konformer und genormter Papiergrößen und deren
genormten Aufbewahrungsmobiliar mittels der sogenannten
Briefablagen wesentlich sein, zielen sie doch ab auf eine
Normierung des menschlichen Handlungsraums. Der kreative Akt
der Zerstörung jener maschinell produzierten Briefablagen in
der Serie When Destruction Becomes New Form kann nicht nur
als ironische Antwort auf die Ästhetisierung industriell
gefertigter Waren verstanden werden – diese Arbeit wirkt
geradezu wie ein befreiender Faustschlag ins Epizentrum alles
Seriellen. Darüber hinaus bringt die Befreiung des Objekts
durch die subversive Verkehrung seiner Brauchbarkeit eine Form
der Visualisierung von Handlungen mit sich: Die schwarzen
Briefablagen wurden auf unterschiedliche Weise bearbeitet –
gefaltet, geschleudert, zerbrochen, getreten, besprungen,
zerhämmert. Die Dekonstruktion und Dekontextualisierung des
Konformen birgt nicht zuletzt jene produktive Instabilität,
die Stella Gepperts Werke so häufig gleich einer Infragestellung
institutioneller Räume hervorbringen. Somit stellt die
Künstlerin auch in der vorliegenden Arbeit um ein Neues ihre
künstlerische Intention unter Beweis – „Formen finden und
entwickeln, die Kommunikation abbilden“.5

Abstellen, aufstellen, ausstellen: situieren und verorten

Stella Geppert schafft auch in dieser Raumarbeit bewusst
instabile Strukturen, um der einer Institution innewohnenden
Starrheit etwas entgegenzuhalten: „Vom Wesen her bin ich
Hacker“, erklärt sie, „sobald ich vor Ort in einem Raum
bin, gehe ich dem jeweiligen räumlichen und sozialen
Gefüge nach und überlege mir, wie ich nicht sichtbare,
dem Raum innewohnende Strukturen hervorholen kann.“ 6

Dem Provisorium der Objekte gesellt sich im Ausstellungsraum
eine architektonische Intervention hinzu: Durch
das Hinzufügen neuer Wände und neuer Bodenplatten,
die ursprünglich für eine Ausstellungskoje einer Berliner
Kunstmesse verwendet wurden, thematisiert die Künstlerin
die architektonische Struktur des Ausstellungsraums.
Sie kehrt damit innere strukturelle Gegebenheiten des
Raums nach außen, stellt das Paradoxe des seit Langem
diskutierten White Cube zur Debatte. In dieser Hinsicht
kann schließlich auch der Titel When Destruction Becomes
New Form als kritischer Impuls mit historischer Anlehnung
an jene bekannte Ausstellung „Live in Your Head: When
Attitudes Become Form“ verstanden werden, die 1969 in
der Kunsthalle Bern durch den Schweizer Kurator Harald
Szeemann eine Entfaltung neuer Formen des Ausstellens
mit sich brachte. Eine Großzahl der künstlerischen Arbeiten
dieser Ausstellung, dessen Untertitel bezeichnenderweise
„Works – Concepts – Processes – Situations – Information“
lautete, hatten die Künstlerinnen und Künstler bewusst
erst vor Ort geschaffen und bezog sich auf den (Ausstellungs-)
Raum.

Verorten heißt auf Englisch „to situate“ – das kommt dem
Begriff „situation“ recht nahe und ist nicht unwesentlich
für die künstlerische Praxis von Stella Geppert: Sie kreiert
Situationen durch die Transformation alter Formen und
die Veränderung in neue. Dass die Künstlerin sowohl im
Objekt Raum sowie im Raum eine plastische Kraft erkennt,
äußert sie in folgender Aussage sehr treffend: „Ich fasse
den Raum als einen sich stets in Bewegung befindlichen,
sich neu konfigurierenden auf. Auch wenn ich ganz konkret
mit ihm arbeite, untersuche ich ihn über seine physische
Materialität hinaus.“ 7

Die unerwartete Mise-en-Scène ehemals funktionaler,
nunmehr zerstörter Objekte auf provisorischen Postamenten
in der Serie When Destruction Becomes New Form verweist
letzten Endes auch auf das weit diskutierte Thema
des Ausstellens. Abstellen, aufstellen, ausstellen
– so scheint der White Cube in der Installation When
Destruction Becomes New Form durch die Konstruktion
neuer Wände und Böden in Form einer Raum-Dopplung
ins Leere zu laufen und die Funktion des klassischen
Sockels auf ironische Weise persifliert.

1) Baier, Franz Xaver: Der Raum. Köln 2000, S.14 ff.
2) Gosztony, Alexander: Der Raum: Geschichte seiner Probleme in
Philosophie und Wissenschaft. Freiburg/München 1976, S.1238
3) Baier 2000, S.14
4) Ryosuke Ohashi, Kire: Das „Schöne“ in Japan. Köln 1994
5) Stella Geppert im Gespräch mit der Autorin, Berlin, Januar 2011
6) Ebd.
7) Enter and Change, Stella Geppert im Interview mit Stefanie Böttcher,
in: Stella Geppert: Unabhängig von der Lage. Ausstellungskatalog
Cuxhavener Kunstverein 2010, S.4