Aus der Zeit / 2012

Aus der Zeit / 2012

Ort:
frontviews temporary, Beta Haus Berlin

Zeitraum:
21.04. – 28.04.2012

Art:
Gruppenausstellung

Web:

frontviews

Künstler:
Astali / Pierce, Willem Besselink, Ronald de Bloeme, Gabriel Braun, Silke Briel, Frank Eickhoff, Nadja Frank, Joachim Grommek, Eno Henze, Moritz Hirsch, Olaf Holzapfel, Yala Juchmann, Antonio Mesones, Nina Ploghöft, Lidia Sigle, Tim Stapel, Yorgos Stamkopoulos

Web:

Willem Besselink
Ronald de Blome
Gabriel Braun
Silke Briel
Frank Eickhoff
Nadja Frank
Joachim Grommek
Eno Henze
Moritz Hirsch
Olaf Holzapfel
Yala Juchmann
Antonio Mesones
Nina Ploghöft
Tim Stapel
Yorgos Stamkopoulos

Notizen:
MIt der freundlichen Unterstützung der ORCO und des Beta Hauses, Berlin - ergänzender Ausstellungstext von Nisaar Ulama

»Aus der Zeit« - formale Extrakte der Gegenwart

– Die Taubheit der Augen, die Dumpfheit des Klanges, die Frechheit der Unmöglichkeit einer Einordnung, eines Bezuges. (Lockermachen)
Da waren wieder diese Dinge, wie immer beständig, unabhängig von Vielem, vor Allem vom Zeitgeschehen, fröhlich auf sich und ihre eigene Brut verweisend; und dennoch anders, völlig neu frisch formiert und damit aktuell im Hier und Jetzt. –

Das Fehlen des Autors

Die Zeit läuft weiter, Realitäten verändern sich. Die Reaktionen formen sich neu. Der »Nährboden« hat eine andere Qualität angenommen, daher werden die Methoden der schöpferischen Formgebung weiterentwickelt oder neu erfunden. Die Kunst der Abstraktion ist das Filtrieren selektiver Bereiche individueller oder kollektiver Realitäten; bestimmte Muster bleiben hängen, gewisse Formen bleiben bestehen. Der Filter ist der menschliche Geist, ihm zu Dienste eine Unzahl technischer Verfahren. Durch die Formwerdung der Reduktion tritt ein Kern hervor. Vieles Verweisende, Dokumentarische, Zeitspezifische wird abgerieben, verwaschen, unkenntlich gemacht. Damit fallen die Arbeiten aus der Zeit, sie sind allgemeingültiger, generalisierter. Die Fülle und Ungenauigkeiten ihrer Referenzen egalisieren den Verweis und führen den Betrachter in die Perzeption eines »introspektiven« Gegenübers. Indem die Arbeiten zum selbstbezogenen Objekt geformt aus der Zeit treten, werden sie Realität. Dadurch können sie nicht völlig losgelöst sein, da alles was sich materialisiert hat, nicht außerhalb von Raum, Zeit und Material stehen kann und somit notwendigerweise Assoziationen zum Bestehenden aufbaut. Selbst der radikalste Ausbruchversuch war bisher immer »geerdet«. Dennoch schwingen ihre Herkunft, die Ähnlichkeit zu bereits existierenden Dingen eher beiläufig, großzügig mit, sind nur diffus erfahrbar und vielfach deutbar.

Sicherlich kann man versuchen, zwischen zwei grundsätzlichen
Methoden zum Herleiten der Form zu unterscheiden. Da wären zum Einen Strategien, die sich im klassischen Sinne der Abstraktion eines subtraktiven Verfahrens bedienen, also bereits bestehenden Dinge immer weiter vereinfachen, um zum Kern zu gelangen. Zum Anderen gäbe es Strategien, welche eher einem additiven Ansatz folgen, um etwas zu erschaffen was zwar eine formale Präsenz aufweist, aber jeden direkten figürlichen oder gegenständlichen Verweis ausschließt. Dies sind allerdings lediglich Leitlinien der Prozesse, welche in die Abstraktion führen, im Gegenüber mit den realen Werken ist dieser theoretische Gegensatz oft nur noch schwer zu bestimmen und spielt auch meist keine große Rolle mehr. Klar ist vielmehr, dass diese Thematik verbal nur zu umreißen ist, wogegen die Werke ohne große Umschweife direkt den Kern des Phänomens materialisieren und erfahrbar machen.

Genau das möchte diese Ausstellung leisten. Sie soll einen kleinen Einblick über aktuelle und bemerkenswerte Positionen in diesem Feld des künstlerischen Schaffens geben. Die zusammengeführten Arbeiten sind also aus dieser Zeit und weisen dennoch, wenigstens für Momente, aus der selbigen hinaus.

Stephan Köhler

Aus der Zeit

In einem Bild

Abstraktionen fordern. Ein Minimum an Form verlangt ein Maximum an geistigem Entgegenkommen. Diese Forderung kann bisweilen unerbittlich werden, wenn uns der Weg zur Konkretion – und damit zu unserer Lebenswelt – versperrt scheint: Logik, Mathematik oder theoretische Physik wollen eine Welt beschreiben, die nie konkreter werden kann als eine Formel.

Abstraktionen können aber auch provozieren. Wenn der Rückzug in minimale Formgebung auf die Erwartung einer eindeutigen Lesbarkeit trifft, wenn also Sinn nicht länger gegeben, sondern eingefordert wird, dann kann diese Forderung als Überschreitung aufgefasst werden. Das trifft insbesondere auf die Bildenden Künste zu. Kasimir Malewitsch legte mit dem »schwarzen Quadrat auf weißem Grund« (1913), nicht nur einen Deckel auf die Geschichte der abbildenden Malerei, sondern gleichfalls eine Sichtblende über den bildlichen Sinngehalt. Wenn jedes Bild dazu auffordert, etwas als etwas zu sehen, dann wirkt das »schwarze Quadrat« wie eine unverschämte Selbstaufhebung, die uns bloß zeigen will: Hier gibt es nichts zu sehen.

Abstrakte Kunst kann deswegen wie eine Verhöhnung des Betrachters wirken, der sich ständig fragen muß, was er hier eigentlich anschaut, aber natürlich weiß, dass die Antwort immerzu kurz ausfallen wird. Doch die viel größere Verhöhnung eines Betrachters findet von morgens bis abends in den bildüberfluteten Kanälen unserer Bildschirme und unserer Zeitungen statt, in den zahlreichen Werbeflächen jeder U-Bahn, jedes Platzes der Stadt, kurzum: In all dem, was wir als »öffentlichen Raum« bezeichnen. Hier herrschen Bilder in absoluter Konkretion, mit wie in Beton gegossener Eindeutigkeit,die uns sagen: Ich zeige dir die Welt. Wir lassen uns in unserer Realitätssucht darauf ein, obschon wir um diese obszöne Lüge aller Bilder wissen. Sie ist zu verlockend.

Abstraktionen, wie sie »Aus der Zeit« versammelt, zeigen eine viel fragilere Wahrheit. Ihr Weltbezug fußt nicht auf einer Abbildung des vermeintlich Realen. Sie zeigen viel mehr, wie der Blick auf eine Welt, in der alles Bild sein muß, aussehen kann. Aus dem, was unsere Gegenwart an visuellen Zeugnissen bereithält, formen die hier versammelten Kunstwerke Abstraktionen, die nicht bloß Bild sind, sondern die Logik des Bildlichen zeigen. Wir sehen nicht nur, was Bilder alles sein können, sondern ebenso, wie wir sehen: Was wir noch in den abstraktesten Formen erkennen, ist Spiegel unseres visuelles Gedächtnisses. Die Kunstwerke dieser Ausstellung sind in unserer Zeit verhaftet. Doch weil sie in ihrer Abstraktion jede Gegenwärtigkeit immer auf Distanz halten, sind sie, in voller Ambivalenz: Aus der Zeit.

Nisaar Ulama