Riss - (Disruption) / 2013

Riss - (Disruption) / 2013

Ort:
Hengesbach Gallery

Zeitraum:
08.03. – 20.04.2013

Art:
group show

Web:

www.frontviewsgallery.de
www.hengesbach-gallery.com

Künstler:
Astali / Peirce, Nikola Ukic, Amir Fattal

Web:

Astali / Peirce
Nikola Ukic
Amir Fattal

Notizen:
In Kooperation mit Hengesbach Gallery

»Riss« - Disruption

Astali und Peirce | Amir Fattal | Nikola Ukic

„Aus dem dichtenden Wesen der Kunst geschieht es, dass sie inmitten des Seienden eine offene Stelle aufschlägt, in deren Offenheit alles anders ist als sonst.“*

Formung der Struktur
Formung der Geschichte
Formung des Prozesses

Am Freitag, den 08. März 2013 wird die Gruppenausstellung »Riss« – (Disruption) mit dem Künstlerduo Tolia Astali und Dylan Peirce, mit Amir Fattal und Nikola Ukic in der Hengesbach Gallery eröffnet.
Diese Positionen vertreten divergierende Strategien der bildnerischen Formung konzeptueller Ansätze; im Ergebnis eint sie dennoch eine gesteigerte Gegenwärtigkeit der Form. Die Ursprünge und Möglichkeiten dieser potenzierten Präsenz bilden die zentrale Thematik dieser Ausstellung. Aus konzeptuellen Grundlagen, mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung auf dialektischen Strukturen, historischen Fakten oder dem autonomen Potenzial des Materials werden finale Werkskörper in ephemeren Setzungen, die dem Betrachter ihren Entstehungsprozess und seine Gründung in einer gemeinsamen Geschichtlichkeit oder einer alternativen, auto-genuinen Zeitlichkeit als materialisierte Male entgegenstrecken. Formungen einer disparaten Struktur, Formung der Geschichte, Ausformungen eines chemischen Prozesses besetzen den Raum. Die Basis bildet dabei immer ein Dualismus aus Impuls und Form. Der Impuls führt in den Prozess der Formung des Werkes; das Werk wird somit als gewordener, erfahrbarer Impuls in einem (vorläufigen) Endstadium materialisiert. Das Werk bietet dem Betrachter ein Gegenüber und trägt sein Werden in sich, verweist also zurück auf seinen genuinen Impuls. Die zeitliche und materielle Spannbreite dieser Entstehung variiert zwischen den Arbeiten und den künstlerischen Positionen der Ausstellung. Das Bild- und Form-Material von Astali und Peirce speist sich aus vielen changierenden Quellen. Opazität in Zugriff und Zustand rhythmisiert ihre Werke und blendet sie gleichzeitig aus. Sie fragmentieren bewusst jede endgültige Möglichkeit einer Signifikanz oder des genauen Erkennens des ursprünglichen Impulses durch den Betrachter in der Art und Formung ihres Materials und etablieren damit eine distanzierte Zeitlichkeit und befremdliche Stofflichkeit in ihren Assemblagen. Fattals Ansätze in dieser Ausstellung liegen chronologisch und formal in den sozialen und architektonischen Machtstrukturen des Dritten Reiches. Die visuellen Auswahl und materiellen Ausführung seiner Arbeiten entwickelt sich aus einer methodischen „Tiefenbohrung“ durch die betreffende Zeitspanne: aus verschüttenden Schichten des nationalsozialistischen Deutschlands bis in unserer Gegenwart hinein werden die Dinge gefördert und „neu“ verdichtet. So verwundert es nicht, dass seine bildnerische „Bohrkerne“ auch Denk-Male sind, die Erinnern, Aufklärung und Reflektion einfordern. In Form und Funktion unterscheidbar von bekannten Denkmälern im Stadtraum, führen sie das Mal, also auch das Zeichen für die Sünde, die Schande wieder dem heutigen Denken zu. Ukic wiederum schöpft sehr direkt aus den Möglichkeiten seines favorisierten Materials Polyurethan, so dass im „Geworden-Sein“ der Arbeiten der grundlegende Prozess und der finale Status die Präsenz ausfüllt und sämtliche primäre Zeitqualität eng mit der Spezifik des Materials verknüpft ist. Zusätzlich erfolgen diese Schöpfungen vor dem Hintergrund und in der expliziten Auseinandersetzungen mit den Werken vergangener Bildhauer-Generationen, im Speziellen einer expressiv-abstrahierenden Moderne um beispielweise Hans Arp oder Henry Moore. So liegt der originäre Impuls hier in der Weiterentwicklung, in der Überwindung geschätzter Positionen durch die radikalisierte Zuwendung auf die inhärenten Möglichkeiten des Materials zu einer amorphen Formenausbildung.

*Martin Heidegger: „Der Ursprung des Kunstwerkes“, S.74, Philipp Reclam jun. GmbH und Co.,Stuttgart, 1960

Des Weiteren durchzieht ein Wechselspiel von Kontinuität und Bruch die Arbeiten in dieser Ausstellung auf allen Ebenen (also: Zeit | gedankliche Struktur | Form | Material) wie ein vierdimensionales Netz. Möglichkeiten eines partiellen Bruches, sei es ein Riss, ein kontrollierter Schnitt oder eine Faltung fusionieren bei Astali und Peirce mit Spielarten der Variation, der gesteuerten Abweichung, fast mathematischen Ableitung im Geistigen und Stofflichen. Diese fragmentierenden Elemente werden aufgefächert, dann neu verfugt. Final bereitet diese fragile Tektonik fluidaler, oft unterbewusster Resonanzen eine Schwingung in ihren Installationen, die sich fast hörbar wie ein akustischer Teppich im Raum ausbreitet. So wie erneut zusammengewachsene Knochen besonders belastbar sind, können Brüche in der Geschichte zu haltbaren Konnotationen in Werken führen, die erst 70 Jahre später entstehen und ihre Existenz auf diesen Bruch, diesen Impuls aus der Vergangenheit, gründen. Das Trauma wird wieder freigelegt, das Geschehene wird transformiert, neu in der Gegenwart manifestiert. So findet Fattals schöpferisches Handeln unter einem historischen Druck statt, der vermutet werden muss, aber dennoch gesellschaftlich weitgehend ausgeblendet ist; wie der Druck des Schwerbelastungskörpers auf den Tempelhofer Boden. Fattals aktuelle Werkreihen analysieren das Zusammenwirken von absolutistischen Regimen und ihrer indoktrinierenden Ästhetik, detektieren die historischen Bruchstellen und ihre Auswirkungen auf ausgesuchte Protagonisten des Geschehens. Bei Ukic findet die Kontinuität in der prozessualen Ausdehnung des Materials statt, der schleichende Bruch markiert hier das Ende eben dieser Ausdehnung. Eingebettet in den vorherrschenden physikalischen und chemischen Möglichkeiten, bedeutet das Finden einer Grenze, das Erstarren zu einer definierten Form die Akzeptanz der Bedingungen des Materials und damit der Akzeptanz unserer Wirklichkeit. Die Realität schreibt das Ende, den Bruch, ein. Es bleibt die Kombination der Relikte miteinander, ihre bewusste Anordnung, auch hier und da noch ein beherzter „externer“ Schnitt oder Abriss. Manche nennen diese „Aufbereitung“ Kunst. Wie verlassene Chitin-Panzer oder abgestreifte Häute sind seine Skulpturen und Objekte Zeugnisse, ja Mahnmale eines Todes im Material und gleichzeitig das bildliche Potential einer Transgression des Gewesenen.

Was hat das nun alles mit der Gegenwart, mit unserer Zeitlichkeit, unserem Leben zu tun? Außer, dass es salopp gesagt stattfindet? Es handelt sich hierbei offensichtlich um Dinge, welche unter uns entstanden sind und aus unserer Gegenwart heraus zu dem ihrem ganz eigenen Sein geschaffen wurden. Sie unterscheiden sich damit stark von denen aus Ihrer Funktion, kultischer Praxis und Orten entrissenen Skulpturen und Objekten ferner Kulturen, welche in den postkolonisatorischen Schaukästen unserer öffentlichen Häuser eine „entkernte“ Anwesenheit fristen. Nein, die Praxis des White Cube mag sehr still und oft rein perzeptiv sein, aber sie ist ein ursprünglich westlicher, postmoderner und immer noch praktizierter Kult und keinesfalls eine „Bothanik des Todes“ **.
Desillusionierungen der praktischen Ansicht beiseite schiebend, betrachten wir die ausgestellten Objekte als losgelöst und dennoch verbunden in Ihrer Existenz mit unserem Dasein wie ein Ballon oder ein geäußerter Gedanke. Sie schieben wie eine musikalische Fuge abgewandelte Variationen in unser Dasein, sie verorten sich in den beweglichen Fugen unserer Tektonik des Gesicherten oder sie sind einfach Risse in unserer Realität. Stephan Köhler

**„Wenn Menschen sterben, gehen sie in die Geschichte ein. Wenn Statuen sterben, werden sie zur Kunst. Diese Botanik des Todes nennen wir Kultur.“ Stimme aus dem Off in „Les Statues meurent aussi“, Chris Marker und Alain Resnais, Dokumentarfilm 1953; übersetzt aus dem Französischen von Kathi Hofer, Texte zur Kunst, Ausgabe Dezember 2011/ 22.Jahrgang/Heft 84