Idiopolis / 2013

Idiopolis / 2013

Ort:
REMAP 04 /28 Giatrakou, Athen

Zeitraum:
08.09.–30.09.2013

Art:
Gruppenausstellung

Web:

REMAP4
frontviews

Künstler:
Akim, Javier Hinojosa, Leon Kahane, Marc Bijl, Marc Klee, Oliver Ressler, Stelios Karamanolis, Stella Geppert, Tula Plumi, Vassiliea Stylianidou, Vincent Grunwald, Willem Besselink

Web:

Willem Besselink
Oliver Ressler
Marc Bijl
Stella Geppert
Javier Hinojosa
Stelios Karamanolis
Leon Kahane
Marc Klee
Tula Plumi
Vassiliea Stylianidou

Notizen:
Auswärtiges Amt der BRD / Conaculta, Mexiko / Daily Lazy, Athen und Berlin / REMAP4, Athen

»Idiopolis« dialectics between subject and society

Diese Ausstellung widmet sich dem Austausch zwischen Privatheit und Öffentlichkeit
und den Möglichkeiten diese Beziehung in ein künstlerisches Wirken zu setzen. Wie lassen sich die Begriffe Privatheit und Öffentlichkeit definieren? Neben verschiedenen klassischen Heterotopien im Sinne Foucaults, welche durch ihre spezifisch-eigenen Strukturen und Regeln definiert werden (wie Gefängnisse, Krankenhäuser, Friedhöfe, Einkaufszentren und auch Galerien) unterscheiden wir zwei Haupttypen von sozialen Räumen: der Private Raum und der Öffentliche Raum. Auf der einen Seite unterscheiden sie sich stark vor dem Gesetz und in der Nutzung: der private Raum ist gemietet oder gekauft durch eine Person um einen eigenen Raum für individuelle Vorlieben im Verhalten und den sozialen Regeln zu haben. Der Öffentliche Raum ist vom Staat organisiert und für fast alle Bürger zugänglich. So ist der Unterschied zuallererst als politisch-räumlicher definiert. Auf der anderen Seite finden viele Arten des Austausches zwischen den beiden Kategorien statt – besonders seit „virtuelle Orte“ (soziale Netzwerke usw.) unsere räumlichen Definitionen wie „Raum“ oder „Grenze“ immer tiefgreifender in Frage stellen. Die Ausstellung konzentriert sich auf variantenreiche Formen des Austausches, welche die Gegensätze des Dualismus „privat“ und „öffentlich“ verbinden. Wie kann man die Linien zwischen beiden Bereichen aufzeigen – oder ist das vielleicht gar nicht möglich?

Durch die Konzentration auf das kulturelle Feld untersuchen wir diese Gegensätze nicht nur aus einem rein architektonischen Verständnis heraus, sondern erweitern den Zugang vor allen Dingen auf die Künstlerische Produktion. Ist nicht jede künstlerische Handlung ein Transfer von einer privat geplanten und vorbereiteten Idee zu einem Statement in der Öffentlichkeit in dem Augenblick in dem es zur Ausstellung kommt? „I habe eine Idee, ein „bemerkenswertes“ Objekt und ich möchte, dass die Gesellschaft es wahrnimmt und erkennt“ Akzeptierend das Künstlerische Aktion generell ein Transfer aus der Privatheit an die Öffentlichkeit ist, sozusagen die logische Basis jedes Kunstwerkes; macht diese Ausstellung einen Schritt weiter und versammelt Arbeiten, welche den Focus auch inhaltlich
genau auf die sich verschiebenden Grenzbereiche vom Verhalten im privaten Raum zur Aktion im Öffentlichen Raum richten. Während diese Künstler politische Statements in Form von Kunst in die kulturelle Diskussion einführen, reflektieren sie gleichzeitig bewusst und aktiv ihre eigenw Situation als jemand „der an die Öffentlichkeit geht“ und in seiner Arbeit von der öffentlichen Reaktion abhängig ist.

Ein gutes Bild für diesen theoretischen Bereich gibt das Fenster, da es exakt die Oberfläche, den Spiegel, die visuelle Transfer-Zone zwischen privat und öffentlich markiert, zwischen dem „Inneren“ und dem „Äußeren“, zwischen dem Subjekt und der Außenwelt, zwischen der Seele und der manifestierten Welt. Deshalb ist das Motiv des Fensters ein sich wiederholendes Element dieser Ausstellung.

Das dritte Charakteristika der Ausstellung ist die offensichtliche Zusammenstellung von internationalen Künstlern mit griechischen Künstlern. Die Situation in Griechenland spielt eine Schlüsselrolle für alle Länder, da sie die Grenzen des Wirtschaftswachstums und der politischen Kontrolle des Westlichen Systems aufzeigt. Während die Bürger Griechenlands (der Geburtsstätte der Demokratie und dem Ursprung unserer gemeinsamen Utopie) am meisten an der Finanzkrise leiden, profitiert die Wirtschaft anderer Länder wie Deutschland von den aktuellen Tendenzen. Während die Griechen ihre privaten Bereiche verlassen und an die Öffentlichkeit gehen, um Ihre Rechte einzuklagen, sucht eine wachsende Klasse reicher Bürger weltweit den privaten, familiären Komfort als das ultimative Ziel für ihre Existenz und lässt ihre Verantwortung für die Allgemeinheit hinter sich.

Viele der politischen Begriffe und Ideen welche wir heutzutage verwenden stammen aus der Griechischen Antike. Genau wie die Unterscheidung von „privat“ und „öffentlich“. Am Ursprung der Unterscheidung zwischen beiden Sphären findet sich einen Begriff, der heute unpassend erscheinen mag: der „Idiot“. Im Griechischen meinte „ἰδιώτης, “idiōtēs” , also „Idiot“, einfach einen Bürger, der kein öffentliches Amt bekleidet und/oder keine öffentliche Verantwortung übernimmt. Daher ist es nicht verwunderlich, aber auch ein schönes Zeichen, dass der Begriff heute so eine negative Bedeutung hat; also jemanden bezeichnet der sich nur um sich selbst kümmert und/oder auch noch intellektuell sehr beschränkt ist. Vielleicht ist es wieder an der Zeit über den „Idioten“ nachzudenken und seine Relevanz für die aktuelle politische Praxis. Hinter dieser Frage stehen auch die Auseinandersetzungen, welche Roland Barthes in seinem Konzept der „Idiorrhythmie“ einführte. Sie lassen sich eventuell auf folgende Frage herunterbrechen: Wie kann Zusammenleben möglich sein?

Stephan Köhler and Nisaar Ulama